Die europäische Start-up-Landschaft ist so gesund wie nie zuvor

Die europäische Start-up-Landschaft ist so gesund wie nie zuvor

Technologieunternehmen erhalten immer höhere Investitionen und werden selbstbewusster. Doch es gibt eine große Herausforderung.


Technologieunternehmen in Europa eilen von Rekord zu Rekord. Nachdem Finanziers im vergangenen Jahr 14,4 Milliarden Dollar und damit so viel in europäische Start-ups investiert hatten wie nie zuvor, ist die Zahl im laufenden Jahr noch einmal deutlich gestiegen. 19,1 Milliarden Dollar haben Technologie-Gründer 2017 eingesammelt, obwohl es fast 300 Finanzierungsrunden weniger gab. Die Höhe der Investitionen nimmt im Schnitt zu, die Investoren geben mehr Geld.

Auch wenn es angesichts der starken Wachstumszahlen der Technologiegiganten Facebook, Google oder Amazon leicht übersehen wird – in Europa hat sich eine recht gesunde Tech-Kultur entwickelt. Das betrifft sowohl die Investitionen als auch den Zuwachs an gut ausgebildetem Personal und die Stimmung der Gründer. Das ist das Ergebnis von „State of European Tech“, der wohl umfassendsten Vermessung der Technologielandschaft in Europa. Der Investor Atomico hat die Studie gemeinsam mit dem finnischen Start-up-Festival Slush angefertigt und mehr als 2300 Investoren, Entwickler und Gründer befragt. Eingeflossen in die Auswertungen sind zudem zahlreiche Daten unter anderem vom Karrierenetzwerk Linkedin oder der Entwicklerplattform Stack Overflow.

„Wir sehen Beweise dafür, dass Europas Technologieunternehmen erwachsen werden“, sagt Tom Wehmeier, Atomico-Partner und Mitautor der Studie. Für Gründer habe sich ein modernes Ökosystem entwickelt. Geprägt sei dieses Jahr auch dadurch, dass institutionelle Anleger und große Unternehmen wie Volkswagen, Daimler oder die Allianz mehr investiert haben. „Angesichts der vorigen Rekordjahre hat mich die positive Stimmung von Investoren und Gründern überrascht“, sagt Wehmeier.

Auffallend sei der zunehmende Ehrgeiz europäischer Technologie-Start-ups. Starkes Wachstum und zunehmende Aufmerksamkeit auch von Investoren außerhalb Europas treibe das Selbstbewusstsein. „Die europäische Technologie-Branche wird noch viele Nichteuropäer überraschen“, ist sich Wehmeier sicher. Allerdings rechnet der Forschungschef von Atomico mit einem zunehmenden Kampf um Talente. „Europa hat einen unfassbar reichen Talentpool und viele kluge Köpfe, die gewillt sind, umzuziehen.“ Grundsätzlich wächst der Anteil an Programmierern oder Informatikern schneller als der Rest der Erwerbsbevölkerung. Deutschland befindet sich dabei in einer besseren Position, als gemeinhin vermutet wird. In diesem Jahr hat die Bundesrepublik Großbritannien überholt in der Zahl professioneller Entwickler. Inzwischen arbeiten mehr als 837000 Entwickler in Deutschland, in früheren Jahren lag Großbritannien immer vorne.

Das könne auch mit dem Brexit zusammenhängen. „Viele kluge Leute, die ich kenne, die in der Technologiebranche arbeiten, ziehen nun von London nach Berlin“, sagt etwa Jutta Steiner von Parity Technologies, einem Start-up, das an der Kryptowährung Ethereum in London und Berlin tüftelt. Allerdings arbeiten in der britischen Hauptstadt noch bei weitem die meisten Entwickler, nämlich 303600. Das sind mehr als drei Mal so viele wie in Berlin. Allerdings gibt es in Deutschland inzwischen viele Technologiestandorte, was auch mit starken Universitäten zusammenhängt.

Anziehend mag für Programmierer auch das Gehalt wirken, in Berlin verdienen sie durchschnittlich 59700 Dollar, was deutlich mehr ist als in anderen europäischen Hauptstädten. Nach Zahlen der Stellenmarktplattform Glassdoor setzen die großen Technologieunternehmen wie Facebook oder Google andere Tech-Start-ups in Gehaltsfragen freilich unter Druck. Facebook soll angeblich rund 87000 Dollar im Schnitt bieten, Google 83000. Nicht nur die Mitarbeiter sind zunehmend mobil, auch die Start-ups selbst werden internationaler: Der Berliner Online-Modehändler Zalando etwa beschäftigt Entwickler in sechs Standorten in Europa, der Zahlungsdienstleister Transferwise hat Büros in London und Talinn. Auch die Investoren sind längst nicht mehr nur auf ihre Heimatmärkte beschränkt: Zwar liegt die Zahl der Investments, die außerhalb des Heimatmarktes getätigt wurden, ein wenig unter Vorjahresniveau, doch mit 980 noch auf einem hohen Stand. „Vor allem bei Investitionen von mehr als 10 Millionen Dollar schauen sich die Wagniskapitalgeber in ganz Europa um“, sagt Wehmeier.

Quelle: FAZ vom 04.12.2017, Von Jonas Jansen, Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main