Dr. Paul-Josef Patt im Interview mit energystorageforum.com

Dr. Paul-Josef Patt im Interview mit energystorageforum.com

Mit dem stetig wachsenden Anteil der erneuerbaren Energien in der Energieversorgung gewinnen Energiespeicher für Strom und Wärme immer mehr an Bedeutung. Als Europas erste Konferenz widmet sich das „energy storage world forum“ seit 2010 ausschließlich dem Thema Energiespeicherung und hat sich mit ausgewählten Fragestellungen an Dr. Paul-Josef Patt, CEO der eCAPITAL AG, gewandt, um seine Einschätzung als langjähriger Cleantech Investor zu erhalten, wie Unternehmen am Markt für Energiespeicher erfolgreich agieren können.


Wie macht man Energiespeicherprojekte zu tragfähigen Geschäftsmodellen?

Als aktiver Cleantech Investor sehen wir ein unverändert breites Spektrum an Energiespeicherkonzepten und -technologien von Hightech-Start-up-Unternehmen, die diese vermarkten wollen. Erneuerbare Energien und Digitalisierung treiben aktuell eine dezentrale Energielandschaft voran, in der Energiespeichersysteme (ESS) eine große Rolle spielen. Aus technischer Sicht gibt es eine Bandbreite von Anwendungen und Vorteilen von ESS, wie z.B. gesteigerte Unabhängigkeit, Backup-Leistung, Arbitrage, sowie Dienstleistungen zur Netzstabilisierung und Netzentlastung und viele weitere.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt einerseits in einem intelligenten Geschäftsmodell, das mehrere dieser Anwendungen und Einnahmequellen kombiniert, und andererseits in der Nutzung der ESS-Hardware als Plattform und deren Erweiterung um Services und digitale Geschäftsmodelle.

Aktuelle Geschäftsmodelle zielen insbesondere darauf ab, verschiedene Einnahmequellen zu kombinieren, um die Rentabilität der Energiespeichersysteme zu erhöhen. Die Kombination verschiedener Einnahmequellen erfordert jedoch eine gründliche Prüfung der Kapazitätsauslastung, möglicher Inkompatibilitäten und gemeinsamer Risikoprofile, z.B. kann die Frequenzregulierung möglichen Arbitrage-Strategien entgegenstehen.

Die derzeit größte Einzelanwendung mit mehr als 50% der neu in Auftrag gegebenen ESS ist die kurzfristige Ausgleichs- und Frequenzregulierung, was beweist, dass dies derzeit einer der wichtigsten Bausteine ist, um ESS profitabel zu machen.

Wie lässt sich die Energiespeicherung innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen definieren?

Die Geschäftsmodelle sind stark von länderspezifischen regulatorischen Rahmenbedingungen abhängig. Dies bedeutet, dass Start-ups ein sehr tiefes Verständnis für die Regulierung und anstehende Änderungen haben und diese genau beobachten müssen.

Auch wenn die Preise für Energiespeichersysteme sinken, ist festzustellen, dass große Teile des Marktes nach wie vor auf unterstützende politische Maßnahmen und Subventionen angewiesen sind.

Wie ermöglicht man die Kombination verschiedener Einnahmequellen?

Gerade für Start-ups ist, in Anbetracht der begrenzten Ressourcen, Fokussierung sehr wichtig. Daher schlagen wir vor, mit den Einnahmequellen zu beginnen, die die besten Eigenschaften in Bezug auf Rentabilität, Wertschöpfung, Marktgröße und Wachstum, USP, Verkaufszyklen usw. aufweisen.

Außerdem sollte es eine Roadmap für weitere Einnahmequellen und Geschäftsmodelle geben, die in Zukunft angegangen werden können. Darüber hinaus sollten Speicherlösungen von Anfang an so intelligent und flexibel entwickelt werden, dass potentiell interessante zukünftigen Anwendungen auch nachträglich technisch ermöglicht werden können.

Zusätzlich zu den technischen Anwendungsfällen von Energiespeicherlösungen, die sich in manchen Fällen gegenseitig beeinträchtigen, sehen wir einen weiteren Trend, wie Energiespeicherunternehmen ihre Geschäftsmodelle durch Digitalisierung und datengesteuerte Geschäftsmodelle erweitern können. In den meisten Fällen konkurrieren diese zusätzlichen Funktionen nicht mit den technischen Möglichkeiten des Speichersystems.

Auf der regulatorischen Ebene werden die gesetzlichen Vorgaben für Mehrfachanwendungen von ESS weiter konkretisiert werden, wie die jüngsten Umsetzungen von Mehrfachnutzungsvorschriften in den USA zeigen. Diese regulatorischen Entwicklungen werden Unternehmen dabei unterstützen, mehrere Einnahmequellen zu kombinieren.

Wie lassen sich die Kosten der Energiespeicherung am besten reduzieren?

Beispiel Lithium-Ionen-Batterien: Durch einen hohen Grad an Modularität und Standardisierung, starke Nachfrage aus den Verbrauchermärkten, Großserienfertigung und Skaleneffekte, ergänzt durch technologische Weiterentwicklungen sowohl im Materialeinsatz als auch im Systemdesign, konnten die Kosten deutlich gesenkt werden.

Dieser starke Rückgang der Batteriepreise sowie technologische Optimierungen und Verbesserungen führten dazu, dass Lithium-Ionen-Batterien auch bei Großprojekten zur dominierenden Technologie wurde. Heute basieren mehr als 90% der ESS auf der Lithium-Ionen-Technologie – ohne Pumpspeicherkraftwerke. 

Wie können neue geografische Märkte für Energiespeicher erschlossen werden?

Marktbedingungen, Preise, Wettbewerb, Regulierung sowie das gesamte Energieerzeugungs- und -übertragungssystem können sich in zwei Märkten stark unterscheiden. Aus unserer Erfahrung heraus ist es wichtig, den vorgeschlagenen Business Case für jeden weiteren Markt neu zu kalkulieren und sorgfältig anzupassen, um dem Kunden einen überzeugenden Mehrwert zu bieten.

Die Unternehmen müssen auch die Unterschiede in der Regulierung und die Vielfalt der Rahmenbedingungen für Fördermaßnahmen, Subventionen usw. genau beobachten.

Wie schafft man mehr Standardisierung und klarere Vorgaben?

In der Standardisierung spielen sowohl öffentliche als auch private Akteure eine wichtige Rolle. Auch wenn Gruppen wie die IEC oder MESA daran arbeiten, mehr und bessere Standardisierung zu schaffen, gibt es immer noch Raum für Verbesserungen. Für Unternehmen kann es sehr hilfreich sein, in einer dieser Arbeitsgruppen mitzuwirken.

Ein gutes Beispiel dafür, wie man aus regulatorischer Sicht klarere Vorgaben schaffen kann, ist die Implementierung eines Rahmenprogramms für Mehrfachanwendungen für elektrische Speicherressourcen, das kürzlich in Kalifornien implementiert wurde.

Wie bringt man alternative Speichertechnologien zu Lithium-Ionen-Batterien auf den Markt?

Als Markteintrittsstrategie halten wir es für eine gute Möglichkeit, konkrete Marktsegmente anzugehen. Viele Technologien haben unterschiedliche Eigenschaften, wie beispielsweise Speicherdauer, Energiedichte, Verlustraten, Leistung etc. Daher sollte für jede Technologie das Segment gefunden werden, das am besten zu ihr passt und somit den größten Wettbewerbsvorteil mit sich bringt.

Um neue Technologien auf den Markt zu bringen, müssen sie einen spürbaren Mehrwert gegenüber bestehenden Technologien bieten und zudem marktreif sein.

Können Sie uns bitte mitteilen, an welchem interessanten und herausfordernden Projekt Sie zuletzt gearbeitet haben?

Wir waren der erste institutionelle Investor von sonnen. sonnen hat sehr interessante Entwicklungen und Veränderungen durchlaufen und ist nun auf dem Weg der Energieversorger der Zukunft zu werden.

sonnen hat mit dem Verkauf von Lithium-Ionen-Akkus begonnen und sukzessive weitere Dienst-leistungen entwickelt. Vergleicht man das Geschäftsmodell von sonnen im Jahr 2013 mit dem heutigen, so hat sich sonnen mit der sonnenCommunity zu einem Anbieter mit deutlich größerem Leistungsspektrum für seine Kunden und Partner entwickelt.

Die sonnenCommunity ist ein Online-Netzwerk zur gemeinsamen Nutzung selbst erzeugter Energie, das es ermöglicht, Strom günstiger anzubieten als herkömmliche Stromanbieter. Die sonnenCommunity startete in Deutschland und der DACH-Region, expandierte dann nach Italien und Australien und beginnt aktuell mit der Expansion in die USA.

Ein wichtiger nächster Schritt ist der sonnenCharger, um Elektrofahrzeuge in die sonnenCommunity zu integrieren und ein sauberes und intelligentes Laden zu ermöglichen. Kunden, die sich für die sonnenFlat entschieden haben, können ihr Fahrzeug im Rahmen des gebuchten Tarifs sogar kostenlos über die sonnenCommunity aufladen. Heute ist sonnen einer der führenden Hersteller von Energiespeichersystemen und betreibt die weltweit größte Plattform für Strom-Sharing.

Das gesamte Interview finden Sie auch unter folgendem Link:
https://energystorageforum.com/blog/talking-points-interview-with-dr.-paul-josef-patt

Über die eCAPITAL AG
Die eCAPITAL AG, mit Sitz in Münster, ist eine Kapitalverwaltungsgesellschaft für alternative Investmentfonds (AIF) nach der EuVECA Verordnung. Die Gesellschaft zählt zu den führenden Venture-Capital-Investoren in Deutschland und begleitet seit 1999 aktiv innovative Unternehmer in zukunftsträchtigen Branchen. Der Fokus liegt auf schnell wachsenden Unternehmen in den Segmenten Software/ IT, Industrie 4.0, Cleantech und Neue Materialien. eCAPITAL verwaltet derzeit sechs Fonds mit einem Zeichnungskapital von über 220 Millionen Euro.

Kontakt
eCAPITAL entrepreneurial Partners AG
Sylvia Richter
Hafenweg 24
48155 Münster
Tel.: +49 251 7037670
info(at)ecapital.de
www.ecapital.de